Was Kafka für ein Glück hatte! Sicher, er war etwas depressiv und tuberkulös, aber ansonsten konnte er sich kaum beschweren. Er musste einfach nur die Tür aufmachen, nach draußen gehen und schon befand er sich auf den Straßen Prags (wenn er sich nicht gerade in Berlin, Reiff am Gartsee oder anderswo aufhielt). Andererseits arbeitete Kafka tagsüber für die Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt, was ihm sein Prager Glück ein wenig vergällt haben dürfte. Vielleicht hegte er deshalb den Wunsch, Indianer zu werden. Vielleicht aber auch nicht. Im Goethe-Institut hängen zur Zeit Kafka-Bilder, auf denen Kafka naturgemäß nicht vorhanden ist. Kafkas Kleinheitswahn, seine Sucht zu verschwinden, würde ein Unternehmen, das es sich zur Aufgabe macht, Kafka abzubilden, von vornherein ad absurdum führen. Es wäre vermutlich sogar als Angriff auf den toten Autor zu verstehen. Die Bilder, die dort hängen, sind vielmehr eine zurückhaltende Konversation mit Kafkas Texten. So wäre es dem Autor auch wohl am liebsten gewesen: Wenn man ihn gar nicht wahrgenommen hätte vor lauter Geschriebenem. Vor dem inneren Auge des Lesers löst sich der Autor in dem Textgefüge auf, das er hinterlassen hat. Ich bin schon mehrmals immer wieder vor Pavel Schmidts Zeichnungen auf und ab gegangen und habe die Textzitate gelesen, die jedem Motiv, wie ein Kommentar aus der Urzeit, beigegeben sind. Und mir ist immer stärker bewusst geworden, dass Kafkas Wucht aus dem Filigranen und Kleinteiligen stammt. Auch die Zeichnungen sind filigran, manchmal geradezu verschüchtert in ihrer Darstellung von weiblicher Scham oder bitterer Übervatersymbolik. Angesicht einer solchen Menge an Feinheit und hoher geistiger Struktur, wird mir immer ganz flau im Magen und ich denke darüber nach, dass man selbst eigentlich vollkommen überflüssig ist und niemals dazu in der Lage sein wird, etwas ähnlich Haltbares zu schaffen. Ich bin bisher stets allein gewesen in der Kafka-Ausstellung. Die Ruhe der alten hohen Räume gefällt mir, die Holzdielen knarren, während ich einen Fuß vor den anderen setze, als könnte ich ewig im Kreis laufen ohne müde zu werden. Einmal ist eine Putzfrau in die Toilette am Ende des Ganges verschwunden und kam nicht mehr heraus. Ich frage mich seitdem, ob es dort einen Hinterausgang gibt, traue mich aber nicht, in die Damentoilette hineinzugehen und nachzuschauen. Mitten im Ausstellungsraum steht ein schwarzer Flügel. Er ist mit einer Plane bedeckt, die das Eindringen von Staub in das empfindliche Instrument verhindern soll. Auf dem Flügel findet sich ein schlichtes Pappschild: Bitte nicht benutzen. Das, denke ich, hätte Kafka gefallen, und ich fasse den Entschluss, beim nächsten Mal, wenn die Putzfrau wieder aus der Toilette herauskommt, mich vor den Flügel zu setzen und das Adagio von Gideon Kleins Klaviersonate zu spielen. Aber ich kann gar nicht Klavier spielen und ich fürchte, wenn ich es trotzdem versuchte, würde sich unter meinen Händen die Klaviatur auflösen, Saiten und Resonanzboden verflüchtigten sich langsam und am Ende säße ich bloß noch vor dem Skelett eines Flügels. Die Putzfrau würde kopfschüttelnd an mir vorüber gehen.
[...] dieser Stunde, da die Sonne schon in die Knie gegangen war. Und das Goethe-Institut, das erst durch Lars Reyers Erzählung von der Putzfrau, die im Waschraum verschwand und nicht mehr daraus hervorkam, zu einem Erinnerungsort kafkaesker Manier wurde. Allerdings konnte auch ich im Nachhinein ein [...]